Von wild lebenden Papageien ist seit langem bekannt, dass sie Erde zu sich nehmen; ein Verhalten, das in der Wissenschaft als ‚Geophagie‘ bezeichnet wird.

Insbesondere die Untersuchungen von J.Gilardi (University of California) und seinen Kollegen in den 1990ger Jahren haben Aufschluss über die Funktionen der Geophagie bei Papageien 1 gegeben und populäre Erklärungen für dieses Verhalten widerlegt, die leider immer noch anzutreffen sind.

Im Amazonas-Regenwald im peruanischen Manu-Nationalpark haben die Wissenschaftler die Bodenbeschaffenheit von Uferhängen untersucht, die täglich von tausenden Papageien verschiedener Arten aufgesucht werden, um Erde zu sich nehmen.

Es zeigte sich, dass die Papageien sehr wählerisch waren und nur Erde aus einer bestimmten Bodenzone zu sich nahmen. Der Boden bestand hier aus sehr feinem Material, im Wesentlichen aus kleinen Ton-und Lehmpartikeln mit einer Größe von etwa 0,2 Mikrometern (= 0.0002 mm).
Hieraus zogen die Wissenschaftler den Schluss, dass eine gängige und weit verbreitete Erklärung nicht zutrifft, nach der Papageien Erde fressen, um durch die Aufnahme ‚kleiner Steinchen‘ die mechanische Zerkleinerung der Nahrung im Muskelmagen zu unterstützen. Eine derartige mechanische Verdauungshilfe ist bei Papageien auch nicht erforderlich, denn mit ihrem kräftigen Schnabel können sie ihre Nahrung ausreichend zerkleinern. Aus diesem Grund ist es im Übrigen auch nicht notwendig, in Gefangenschaft lebenden Papageien Grit zu verabreichen.

Auch die Erklärung, Papageien würden die Ton- und Lehmerde zu sich nehmen, um sich auf diese Weise wichtige Mineralien zuzuführen, konnten die Wissenschaftler widerlegen: Die chemische Analyse des Erde, die von den Papageien vorwiegend gefressen wurde, enthielt viel weniger Mineralien als die Erde der angrenzenden Bodenzonen und sehr viel weniger als die pflanzliche Nahrung, die Papageien zu sich nehmen. Gleichwohl nehmen die Papageien natürlich mit der Ton- und Lehmerde wichtige Mineralien aufnehmen, wie z. B. Magnesium-, Natrium-, Calcium-, Kalium-, Eisen- und Siliziumverbindungen.
Und auch die Erklärung, die lehm- und tonhaltige Erde diene der Neutralisierung überschüssiger Magensäure, konnte nicht bestätigt werden. Die von den Papageien aufgenommene Erde hatte keinerlei neutralisierende Wirkung.

Die Erklärung für die Geophagie bei Papageien fanden J.Gilardi und seine Kollegen schließlich in einer sehr speziellen Eigenart der Ton- und Lehmpartikel. Aufgrund ihrer elektrochemischen Beschaffenheit binden sie im Magen der Papageien die Bitter- und Giftstoffe, die die Papageien mit ihrer pflanzlichen Nahrung unvermeidbar aufnehmen, und nehmen diesen Stoffen ihre Schädlichkeit. Ton- und Lehmerde hat für Papageien somit eine entgiftende Wirkung.

Welche Schlussfolgerungen sind aus diesen Untersuchungsergebnissen für die Papageien zu ziehen, die von Menschen als Haustiere in Gefangenschaft gehalten werden?

Auch Papageien in der Haustierhaltung brauchen lehmhaltige Erde

Graupapageien und Amazona-Papageien auf dem lehmhaltigen Erdboden in den Flughallen

Es kann davon ausgegangen werden, dass Papageien in der Gefangenschaft in der Regel Futter gegeben wird, das frei von Substanzen ist, die für die Papageien eine Entgiftung durch die Aufnahme von Ton- und Lehmerde erforderlich machen würde.

Für das Wohlbefinden der Papageien in Gefangenschaft ist es jedoch sehr wichtig ist, ihren Lebensraum durch eine Bepflanzung mit Bäumen und Sträuchern, die für Papageien ungiftig sind, möglichst naturnah zu gestalten. Aber die Rinde auch dieser Bäume und Sträucher enthalten Bitterstoffe verschiedenster Art, die die Papageien unvermeidlich aufnehmen, wenn sie die Rinde dieser Bäume und Äste abnagen sowie deren Blätter, Blüten oder Früchte der Bäume an- und auffressen. Aus diesem Grund muss Papageien, deren Lebensraum in der Gefangenschaft mit Bäumen und Ästen ausgestattet ist, Ton- und Lehmerde zur Verfügung gestellt werden. Dies kann durch einen naturbelassenen, ton- und lehmhaltigen Erdboden im Lebensraum der Papageien geschehen, den die Papageien nach Ton- und Lehmpartikeln durchwühlen können, oder durch naturbelassene, trockene Ton- und Lehmerde, die den Papageien in Schalen zur Verfügung gestellt wird. Außerdem können der ton- und lehmhaltige Erdboden bzw. die Erde in Behältnissen mit Grassoden und an-deren Pflanzen bestückt werden, die für Papageien schmackhaft sind, z.B. Vogelmiere, Löwenzahn, Girsch u. a.

Im Fluggehege des Papageienschutz-Centrums Bremen e. V. stehen den Papageien beide Varianten zur Verfügung: In den Flughallen ist ein naturbelassener, ton- und lehmhaltiger Erdboden gegeben, in dem die Papageien mit großer Intensität scharren und graben. In den Schutzhäusern wie auch in den Not- und Krankenräumen werden den Papageien Schalen mit ton- und lehmhaltiger Erde zur Verfügung gestellt.


  1. James D. Gilardi, Sean S. Duffey, Charles A. Munn, Lisa A. Tell; Biochemical Functions of Geophagy in Parrots: Detoxification of Dietary Toxins and Cytoprotective Effects; Journal of Chemical Ecology, April 1999, Volume 25, Issue 4, pp 897-922 ↩︎